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CLOSE THE GAP - Arbeiten der Meisterklasse Timm Rautert

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Sebastian Stumpf, »marcher à l'envers«, 2002, Diaserie, Projektion, Maße variabel
Sebastian Stumpf, »marcher à l'envers«, 2002, Diaserie, Projektion, Maße variabel

Fotografie

Eröffnung:
Samstag, 01.08.2009
20.00 - 22.00 Uhr

Ausstellungsdauer:
01.08.2009 - 05.09.2009

Realismus und ein Schuss fröhliche Anarchie

..Er ist noch keine 30, aber die Japaner können schon jetzt nicht genug bekommen von seinen Fotos, Diaserien und Videoinstallationen. Sebastian Stumpf klettert mitten in der Stadt auf Bäume. Geländer, Mauern, Pfosten überspringt er in der Pose des Flaneurs. Und wenn er aus seinen Bildern verschwindet, nimmt er nicht die Tür, sondern den winzigen Spalt zwischen Trottoir und einem heruntergeklappten Garagentor. Im strengen Japan, wo seine Arbeiten kürzlich zu sehen waren, halten sie ihn deshalb für einen fröhlichen Anarchisten. Mit der Idee von Freiheit spielt auch Stumpfs Kollege Ulrich Gebert, 33. Seine Bilderserie "Amerika" zum Beispiel spielt an einer Kreuzung. Menschen sind zu sehen und Lieferwagen, die Lieferwagen werden mehr und parken schließlich alle Wege zu. Die offene, urbane Szene wird schnell zur gespenstischen Vision, "Amerika", das für Hoffnung und Neuanfang steht, erweist sich als versperrt.

Es ist der Blick auf Reales und die subversive Note, die die Arbeiten des in Würzburg geborenen Sebastian Stumpf mit denen des gebürtigen Münchners Ulrich Gebert verbinden. Orchestriert werden sie, wenn man so will, von der Versuchsanordnung des aus Regensburg stammenden Florian Ebner, der in "Labor I und II" das Medium Fotografie als solches hinterfragt. Ebner, 38, zeigt eine Dunkelkammer mit Apparaten und Materialien, die mit dem Ende der analogen Fotografie obsolet geworden sind. Trauern da ein paar junge Leute der Vergangenheit nach? Man kann ihre Arbeiten auch als trotziges Statement lesen. Denn die drei Bayern, deren Werke gerade mit denen anderer Absolventen der Leipziger Schule für Grafik und Buchkunst im Neuen Pfaffenhofener Kunstverein zu sehen sind, haben alle denselben Lehrer.

Timm Rautert, Jahrgang 1941, der als Fotoreporter für "Zeit" und "Geo" die Situation sozialer Randgruppen, von Obdachlosen und Arbeitslosen, ins öffentliche Bewusstsein rückte, gibt heute zu, dass er mit seinen Bildern die Welt verändern wollte. Und auch wenn er längst eingesehen hat, dass das nicht geht, hält der Lovis-Corinth-Preisträger 2008, ein 68er und Dutschke-Freund, doch an so manchem alten Grundsatz fest. Dreh- und Angelpunkt seines Verständnisses von Fotografie zum Beispiel ist nach wie vor"die einmalige Verbindung des Mediums zur Realität". In seiner Zeit als Inhaber des Lehrstuhls für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst von 1993 bis 2007 forderte er seine Studenten deshalb zu einem "affirmative Stellungswechsel" auf: Analog gegen digital. "Denn mit der digitalen Fotografie ist das Spezifische, das Unerwartete aus der Fotografie raus", so Rautert: "Alles ist planbar"...

Von Hermann Weiß (WELT am SONNTAG, 21. Juni 2009)


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