Benjamin Dittrich

Malerei
Druckgrafik
Text

Was hat man eigentlich vor sich? Die grundlegende Frage jeder Kunstbetrachtung stellt sich bei den Werken Benjamin Dittrichs mit jedem Blick aufs Neue. Entfernte Erinnerungen an alte Fernseh-Testbilder werden wach, Reminiszenzen an klassische Science-Fiction-Plakate und computereske Retro-Fantasien, Ahnungen technoider Schaltkreiswelten und physikalischer Kosmologien. Es ist nicht zuletzt die Formsprache abstrakter moderner Kunst, die geheimnisvoll wie strukturiert in diesen künstlerischen Paralleluniversen aufblitzt.

Doch Dittrich lässt uns nicht im Ungewissen, braucht keine nebulöse Esoterik. Seine Kunst ist ein Forschen, ein Bilder-Machen im wörtlichen Sinne. Das, was die Naturwissenschaften einst als Visualisierung Jahrtausende währender Welt-Prozesse schufen – Tabellen, Spektren, Wellen – wird des Inhalts und Sinns entledigt, entkernt und neu aufgefüllt. Die Essenz der Wissens- und Informationsgesellschaft liegt fragmentarisch, gleichsam nackt vor uns, seltsam vertraut und fremd zugleich. So wird zur codierten grafischen und geometrischen Form, zur künstlerischen Komposition, was einst Anspruch auf allumfassende Weltdarstellung erhob.

Mit der Offenlegung seiner Quellen – oft inhaltlich überholte Enzyklopädien und naturwissenschaftliche Sammelwerke früherer Tage – gelingt Dittrich eine gewagte, folgerichtige Wendung: Das dialektische Verhältnis von Kunst und Welt, von menschlicher Schöpfung und angeblich objektiver Wissenschaft tritt blank zutage. Die in Stil und Design ihrer Zeit verhafteten Abstraktionen in Darstellungen von Natur und Physik geraten zur kontingenten Kulturtechnik, die in den Akten des Vereinfachens, Anordnens und Verknüpfens die Existenz des wissenschaftlichen Gegenstandes erst hervorbringt. Indem er die vorhandenen Fragmente jener Weltdeutungen spielerisch, ohne Anspruch auf strenge Konzeptkunst, wie ein Puzzle neu arrangiert und in Beziehung setzt, lässt uns Dittrich ihr fragiles Innerstes betrachten – und erschafft damit Zugang zu einer neuen Welt.

Maximilian Haase (Katalogtext „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ (Hirmer Verlag, 2019))

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“This is a present from a small distant world, a token of our sounds, our science, our images, our music, our thoughts and our feelings. We are attempting to survive our time so we may live into yours.”

Botschaft auf der Voyager Golden Record, 1977

 

INTERSTELLARE ARCHÄOLOGEN

 Botschaften vom Ereignishorizont des Wissens

 Der erste Eindruck sei entscheidend, heißt es. Im Falle außerirdischer Wesen, die eines Tages von der Existenz der Menschheit erführen, könnte er von Goldenen Schallplatten ausgehen: 1977 sandte die NASA an Bord der Raumsonden Voyager 1 und 2 goldglänzende, kreisrunde und mit Audio- und Bildinformationen beschriebene Datenträger ins All, damit sie einst Zeugnis von unserer Spezies ablägen. Von unserem Planeten, unserer Kultur, unserer Sprache, unseren Lebenswelten und unserer Wissenschaft. Nicht indes von unseren Kriegen und Verbrechen, von unseren Ideologien und Selbst- zerstörungen. Ein verzerrtes Idealbild. 

Der erste Eindruck zählt — als Mörder und Ausbeuter wollen wir nicht gelten. Vielmehr als Kulturwesen und Wissenswesen, selbstreflektiert, empathisch und aufgeklärt. Als Entdecker und Forscher. Bereits fünf Jahre vor der Voyager schickten die Wissenschaftler um Carl Sagan an Bord der Pioneer-Sonden Plaketten auf die endlose Reise. Die darin eingravierte Botschaft zeigte neben einer seinerzeit umstrittenen Darstellung von Mann und Frau insbesondere naturwissenschaftliche Symbolik: die relative Position der Sonne zum Milchstraßenzentrum, ein Schema unseres Sonnensystems, die Hyperfeinstruktur des Wasserstoffatoms. Universelles Wissen für das Universum.

Weiter als die Voyager- und Pioneer-Sonden drang kein Gegenstand menschlicher Schöpfung je vor; über 20 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt, durchquert die Voyager 1 inzwischen den interstellaren Raum — die unendlichen Weiten, wie es uns die Popkultur auszudrücken lehrte. Trotz jahrzehntelanger Ambitionen der Populärwissenschaft und Science Fiction, den westlichen Menschen an die Unendlichkeit heranzuführen, bleiben die Dimensionen kaum fassbar: Bevor ihr Haltbarkeitsdatum abläuft, passiert die Sonde noch 500 Millionen Jahre lang die gigantische Leere zwischen planetarischen Nebeln und Dunkelwolken, zwischen interstellarem Staub und Supernovaüberresten. In 38.000 Jahren nähert sie sich im Abstand von 1,7 Lichtjahren erstmals einem Stern, genannt AC+793888, gelegen im Sternbild Kleiner Bär.

Eine Vorstellung, so unwahrscheinlich wie reizend: Die Sonde würde einst gefunden und aufgelesen von extraterrestrischen Wesen, ihrerseits aufgebrochen möglicherweise von ihrem Heimatplaneten im Lokalen Superhaufen, der mit seinem Durchmesser von 200 Millionen Lichtjahren 2.000 Galaxien wie die unsere beherbergt. Aufgebrochen, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Die menschliche existierte zu jenem Zeitpunkt wohl nicht mehr. Sie dennoch kennenzulernen, hieße, sich ihr Wesen über Relikte zu erschließen, gleichsam als interstellarer Archäologe. Der erste Eindruck vom Menschen: Ein Symbolwesen, ein Forscherwesen.

Doch wie universell ist die symbolische Darstellung eines Atoms? Wie galaxienübergreifend das Verständnis mathematischer, physikalischer, chemischer Zeichen und Schemata? Eines Kreises, einer Wellenlänge, gar einer Umlaufbahn oder eines Planeten? Wie fragil ist unser über Jahrtausende angehäuftes Wissen angesichts der Unendlichkeit des Kosmos? Wie anthropozentrisch unsere Naturwissenschaft, ganz zu schweigen von der Struktur unserer Sprache? Werden unsere unbewussten und intendierten Überlieferungen als Botschaften verstanden? Drücken sich Psychologie, Geschichte, Vernunft und der Mangel daran in bruchstückhaften Überbleibseln aus? 

Was der Mensch in seiner Bearbeitung der Welt an Erfahrung sich aneignete, was er sich als Wissen mühsam erschloss und herstellte, was er schließlich kategorisierte und katalogisierte, in Enzyklopädien und Lexika als Kanon zwischen Buchdeckel presste; was er gegen den selbstgeschaffenen Mythos und die Religionen verteidigen musste und zugleich zur Vorbereitung von Barbarei, Vernichtung und Zerstörung nutzte; was sich in Emanzipation und Gegenaufklärung gleichermaßen ausdrückte, sich schließlich in Expertenwissen partikularisierte, um letztlich dekonstruiert und abermals hinterfragt zu werden: Was, wenn auch diese Dekadenz des Wissens sich restlos auflöste? Zum rein symbolischen Schwirren im Raum geriete, zur sinnlosen Variation von Aussagen, zum gänzlich ästhetischen Baukasten aus Formen?

Jene humane Angst vor dem Zerfall, die immer existierte, bleibt dem neugierigen Betrachter von außen erspart. Fürchtete das menschliche selbsternannte Universalgenie die Vereinzelung der Wissenskulturen, ängstigte die Naturwissenschaftler die immer drohende Widerlegung ihrer Thesen und die Kanonbündler die freie Aneignung, Zugänglichkeit und Produktion des Weltwissens, stieße der Bewohner des Lokalen Superhaufens, der menschlichen Sprachen und Schriftkultur nicht mächtig, auf ein schier unendliches Konglomerat an Zeichen und Symbolen, Diagrammen und Schemata, Bildern und Skizzen. Die für die menschliche Kultur nach der Aufklärung erst seit wenigen Jahrhunderten essenzielle Trennung und Ordnung der Diskurse in Kunst und Wissenschaft wäre ihm fremd und gleichgültig. Entsprechende Wahrnehmungsgabe und Stofflichkeit vorausgesetzt: Das bildhafte Material der Menschheit gälte ihm als unbekannter Spielplatz, auf dem er sich austoben könnte, um die symbolhaften Ingredienzien humanen Wissens neu zusammenzufügen.

Was, wenn der mühevoll erschlossene, ausgearbeitete, überarbeitete, diskutierte, verworfene, immer wieder neu aufgefächerte und bisweilen auch tödliche Wissenskosmos der Menschen im Blick des Lokalen-Superhaufen-Einwohners seine Sinnhaftigkeit verlöre? Ohne Schrift und Sprache erschlössen sich Bedeutungen, der Wahrnehmung eines Kindes gleich, immer wieder neu. Die sich bietenden Weltartefakte würden wieder und wieder kombiniert; einem auseinandergenommenen Uhrwerk ähnelnd, das anders zusammengebaut lediglich ein Uhrwerk zu sein scheint, aber keines ist: In der Nachahmung liegt der Versuch, sich eine fremde Welt zu erschließen. Träte dann das Wesen menschlicher Kultur und Wissenschaft in seiner Dialektik, seinen Ambivalenzen und Kontingenzen gleichsam von selbst zutage? Wie inhärent wäre den Zeugnissen menschlichen Forschens, Schöpfens und Wirtschaftens die Anfälligkeit für regressive Mythen, verdinglichtes Denken und ideologische Gesellschaftsformen?

Wo der Mensch die Welt einst zu entzaubern gedachte, würde sie durch die Neuanordnung seiner Relikte wieder verzaubert. In Benjamin Dittrichs Ausstellung „Lokaler Superhaufen“ findet sich jener aufgeklärte Zauber wieder, der dem Blick des außerirdischen Anthropologen wohl nahekäme. In einem Nichtbegreifen und Nichtzufassenkriegen offenbart sich ein spielerischer Umgang mit den Splittern der (Natur-)Wissenschaften, ein ironisches Aneignen ihrer Logik und ihres Ethos. Einst dazu angetreten, unsere Existenz und Endlichkeit zu fassen zu bekommen, entpuppten sie sich zugleich in ihrer Vereinzelung als ebenso nützlicher wie latent bedrohlicher Kult. Was passiert am Ereignishorizont, an den sich auflösenden Rändern dieses auf Rationalität und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit basierenden Wissens mit dessen Symbolen? Was geschieht dort, wo durch Verschieben der alten Zeichen umfassender Gelehrtheit neue Bedeutung generiert wird; wo abseits jeder Gottesfurcht und Wissenschaftsgläubigkeit, abseits von Herrschaftswissen und ökonomischer Nutzbarmachung die Faszination für das Unendliche sich Bahn bricht?

Schließlich wieder: Was geschähe nach dem Ende der menschlichen Existenz, wenn der erste Eindruck der Goldenen Platten der Voyagers und Pioneers fremden Wesen den Weg zur menschenverlassenen Erde wiese; was geschähe mit unseren Symbolen und Sprachen, unseren Büchern und Bibliotheken, unseren Wissenssammlungen und Weltenzyklopädien? Vielleicht, so stellt es sich der humanistisch geprägte Mensch vor, würden sie als Kunst-Relikte bewundert und gedeutet werden, von rätselnden Zuschauern irgendwo inmitten des Lokalen Superhaufens.

 Maximilian Haase

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Biografie

1987    geboren in Düsseldorf, aufgewachsen in Detmold
2007    Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
2010    Fachklasse für Malerei/Grafik Prof. Annette Schröter — Co-Betreuung durch Prof. Oliver Kossack
2012    Diplom mit Auszeichnung
2015    Meisterschülerabschluss bei Prof. Annette Schröter

Einzelausstellungen

2018 Zarter Fels, ]Museum der bildenden Künste, Leipzig
Dünner Pelz, Galerie b2, Leipzig
SUS, Salon Käthe - Galerie Kleindienst, Leipzig
2017 HERBST, Bistro21, Leipzig (mit Paula Gehrmann)
2016 Lokaler Superhaufen, Galerie b2, Leipzig
2015 Zurück zu den Lurchen, Spinnerei Archiv Massiv, Leipzig
2013 GOLDFISHBOWL, Galerie M2A, Dresden
2011 Damn nature, Raum 4.4, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Ausstellungsbeteiligungen

2019 
jetzt! – Junge Malerei in Deutschland, Museum Wiebaden, Kunstmuseum Bonn & Kunstsammlungen Chemnitz
Friends, Galerie b2, Leipzig
2017 Colarm, Galerie b2, Leipzig
Black Sugar, Städtisches Kunstmuseum Spendhaus, Reutlingen
Lubok, Städtische Galerie Delmenhorst
New Acquisitions, G2 Kunsthalle‚ Leipzig
Maybe I knew the story before, but not that I recall, Galerie Billytown, Den Haag / NL
2016 Geh doch (nach) Reude du Opfer!, Galerie Kleindienst, Leipzig
Descriptions of it are incomplete, Galerie Loris, Berlin
Immer & Ewig. 23. Leipziger Jahresausstellung, Westwerk, Leipzig
Lubok, Künstlerhaus Schwandorf
Descriptions of it are incomplete, Galerie b2, Leipzig
Klassentreffen, Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig
2015 2.5.0. - Object is Meditation and Poetry…, Grassi Museum, Leipzig
Teknology, Galeria Impakto, Lima (Peru) 
Versus Konstruktionen, Galerie Hoch + Partner, Leipzig
2014 BGL#3 / Blaue Perle, Galerie Kleindienst - Kesselhaus, Bergisch Gladbach
Pulse - the contemporary art fair, New York City
Kein Spaß, Galerie M2A, Dresden
2013 Kein Spaß, Galerie Rothamel, Erfurt
Thought Machines / Denkmaschinen, Heiligenkreuzerhof, Wien
Prints / made in Leipzig, Ungarische Universität für Bildende Künste, Budapest
LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Galeria de Arte Contemporáneo del Teatro Isauro Martinez, Torreon, Coahuila (Mexico)
LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Museo de la Estampa, Toluca (Mexico) 
WIN/WIN 2013, Halle 14, Leipzig
Adler mit Krone, Bürgerhaus Sulzfeld (mit David Röder u. Jens Schubert)
LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Centro Cultural Clavijero, Morelia, Michoacan (Mexico)
2012 LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Instituto de Artes Gráficas de Oaxaca, Mexico
High End, Raum 4.4. Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Sixpack, Galerie cCe, Kulturhaus Leuna
LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Capilla del Arte, Puebla (Mexico) 
Diplomausstellung, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Festungen. Innen und Außen. Junge Kunst aus Leipzig, Festung Rosenberg, Kronach
LUBOK. Gráfica contemporánea y libros de artistas de Leipzig, Museo Nacional de la Estampa, Mexico City (► Katalog)
LUBOK, Kulturbahnhof Eller, Düsseldorf
2011 Hochdruck an der HGB, Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Junge Kunst 14, Galerie Kleindienst, Leipzig
LUBOK, Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen (► Katalog)
2010 Die Druckgrafik, Neuer Kunstverein Pfaffenhofen
Hipp Hipp Hurra, Raum 4.4. Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Schnittstelle Druck, Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Miss Waldrons Roter Stummelaffe, Galerie im Ganserhaus, Wasserburg/Inn

Stipendien/ Preise

2016 Kunstpreis der 23. Leipziger Jahresausstellung
Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Lukas, Ahrenshoop – gefördert durch das Land Mecklenburg-Vorpommern
2013 Hochdrucksymposium in der Werkstatt Carpe Plumbum/Thomas Siemon, Spinnerei Leipzig – gefördert durch den BBK Leipzig
2010 Lithografiesymposium in der Werkstatt von Prof. Claus Hipp, Pfaffenhofen a. d. Ilm
2009 2-wöchiger Workshopaufenthalt in Tripoli/Libanon – gefördert durch das Goethe-Institut Beirut