Dietrich Burger

Malerei
Druckgrafik
Text

Dietrich Burger (Auszug)
von Dr. Peter Guth (in: Dietrich Burger - Malerei, Grafik, Zeichnung, 1996)

In der Malerei und Grafik Dietrich Burgers trifft man an einen unübersehbar hohen Anteil von Identität zwischen Leben und Werk. Auf den Bildern findet somit nicht nur Erlebtes und Erfahrenes mehr oder weniger verschlüsselt statt, sondern die Bildlandschaften bewältigen für ihn Existenzfragen. Der immer auf die Realität gerichtete Blick des Malers und ein seismografisch nach innen gewandtes Registrieren verweben sich in der malerischen und zeichnerischen Struktur. Daher entsprechen den Lebensstationen auch bestimmte Ausdrucksformen, wiewohl gleichzeitig auffällt, dass Burger nur im geringen Maße zeitbedingten Präferenzen huldigt. Natürlich sind die frühen Jahre gekennzeichnet vom Einfluss der klassischen Moderne, wie er in unterschiedlicher Weise nicht nur in der Leipziger, sondern in der europäischen Malerei überhaupt aufscheint: Beckmann und Hofer sind rezipiert worden, natürlich auch Oskar Schlemmer. Als weit wichtiger allerdings erweisen sich die tieferliegenden Folien: Burgers Lebensgefühl ist ohne die französische Malerei, vor allem Corot, Watteau, Chardin, Picasso, Matisse und die weniger bekannten Zeichnungen Seurats nicht denkbar; seine Figurenauffassung einer physiognomisch verlebendigten Statik nicht ohne Giotto oder Fra Angelico. Dass es Bezüglichkeiten zu einigen Leipziger, mehr einer veristischen Formensprache verbundenen Malern gibt, liegt auf der Hand. Dennoch blieb über die Jahre das Verhältnis zu der laut, oft selbstgefällig und auch arrogant vorgetragenen geschichts- und philosophielastigen Leipziger Malerei gespannt und eher ablehnend. Burger ist introvertiert und harmoniesüchtig: das marktgefällige Jonglieren mit Bedeutungen widerstrebt ihm. So verwundert es nicht, dass er eine innere Nähe eher zu der Koloristik Berliner oder Dresdener Maler, erinnert sei an Dieter Goltzsche, Harald Metzkes, Wolfgang Leber oder Theodor Rosenhauer, empfunden hat.

Überblickt man die fast vierzigjährige Arbeit Dietrich Burgers, so fasziniert vor allem die unglaubliche Fähigkeit zur Konzentration auf einen für sich genommen relativ eingegrenzten Themenkreis: Im Zentrum des Werks steht die (oft eigene) Familie als Lebenskern. Damit bleibt die Ikonografie eng gefasst und im Lauf der Jahre fast unverändert: Porträts, Paare, Gruppen, Stadtansichten, Landschaften, Musizierende, Sporttreibene, Badende. Die eigentliche Erneuerung liegt in einer permanenten Verdichtung der Sujets, wobei sich die Intensität der Vergegenwärtigung sowohl auf die Aussagekraft des Wiedergegebenen als auch auf die Strenge der Umsetzung stutzt. Voraussetzung blieb durch all die Jahre hindurch das tatsächliche Ereignis, das zeichnerisch, oft auch in den bevorzugten grafischen Techniken (Radierung, Litho, Holzschnitt) festgehalten und reduziert wird. Die Wirksamkeit geht jedoch nicht nur von der höchst delikaten, abgedämpften und gebrochenen Farbigkeit bzw. von sparsamen, sich in einer Spanne von splittrig-knapp bis weichtonig-malerisch bewegenden Lineaturen aus, sondern von etwas Schwingendem, Unausgesprochenem. Jedes Bild hat ein Geheimnis, dem man unwillkürlich nachspürt - ohne Chance auf Enträtselung. Dieses Phänomen gründet vor allem in seiner Art der Bildanschnitte, der Konturierung (die nicht dekorativ den Gegenstand umschreibt, sondern die Kontur mitdenkt und sie dann aufbricht), der Linienbündelung, der Rhythmisierung, der Bedeutungsperspektiven und der Verdichtung von malerischen und zeichnerischen Kraftfeldern. Aphoristisch überspitzt könnte man sein Werk mit Blick auf die Romantik durch den Gegensatz zwischen (dem von ihm hochgeschätzten) Philipp Otto Runge und Ludwig Richter beschreiben.

Burger gehört nicht zu den Künstlern, die sich die Brust aufreißen und ihre Selbstreflexion nach außen stellen. Es gelingt ihm, diese in ein meditatives Element zu überführen, das sich dem Betrachter als körperlich spürbare Stille vermittelt. Die »dunklen Seiten« der Existenz bleiben hinter ihr verborgen. Viel wichtiger ist für ihn, das »Treffende« zu sagen, das Bild auf die Zusammenfassung der optischen Eindrücke hinzuarbeiten. Hinter diesen Versuchen, auch hinter den besonders in den früheren Arbeiten stark vorgetragene Farb-, Form- und Rhythmusexerzitien (für die gerade die Sport- und Musiksujets perfekte Handlungsfelder boten) verblasst nicht nur das Grüblerische, sondern mitunter auch die Burgersche Ironie. Beides erhellt sich nur für den, der bis sehr genau schauen will, eine Geste deuten oder ein Bilddetail orten kann.

Biografie

1935 geboren in Bad Frankenhausen
1953–1958 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Prof. Bernhard Heisig
1964-1984 Lehrtätigkeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
1984-2000 Professor für Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
lebt und arbeitet in Roda bei Leipzig

Einzelausstellungen

  • 2016 Malerei und Grafik, Galerie im Bürgerhaus, Zella-Mehlis
  • 2015 Cover me, Galerie Kleindienst, Leipzig
    2013 Malerei und Arbeiten auf Papier, Kunstkaten, Ahrenshoop
    2010 bb, Galerie Kleindienst, Leipzig
    2005 Neue Bilder, Galerie Kleindienst, Leipzig
    2000 Dietrich Burger, Lindenau-Museum, Altenburg
    1995 Malerei/Grafik/Zeichnungen, Galerie Kleindienst, Leipzig

Ausstellungsbeteiligungen

  • 2015 Mit Tübke am Strand. Leipziger Maler in Ahrenshoop, Kunstmuseum Ahrenshoop
    2014 KUNST. SCHULE. LEIPZIG - Malerei und Grafik nach 1947, Museum der Bildenden Künste, Leipzig
    2012 Unterwegs - 19. Leipziger Jahresausstellung, Westwerk, Leipzig
    2011 Fundstücke, Galerie Irrgang, Leipzig
    2010 Portrait einer Sammlung, Kunstsammlungen Chemnitz
    2008 Galerie am Domhof, Zwickau
    2007 Seit Leipzig, Kunsthalle Wittenhagen
    2004 Elfte Leipziger Jahresaustellung, Westwerk, Leipzig

Stipendien/ Preise

  • 1988 Kunstpreis der DDR