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Sonja Kälberer

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2010/3, 100x100cm, c-print
2010/3, 100x100cm, c-print
Alles nimmt seinen Ausgang in einem Raum. Einem Raum, der sich allmählich wandelt zu einem Ort der Zeichen. Zeichen, deren Bedeutungen offen sind, fließend, flüchtend. Die mäandern in der eigenen wie in der fremden Vorstellungskraft. Sie schälen sich heraus, als Ausdruck wie als konkrete Form, aus den scheinbar unerschöpflichen Variationen von Material, Farbigkeit und Licht. Und entschwinden, sobald sie gewonnen. Schicht für Schicht trägt die Künstlerin in diesen Raum hinein. So erwachsen aus organischer Gestalt nach und nach wahrnehmbare Konturen. Manche durchströmen weich und möbelhaft das atmosphärische Dunkel, andere brechen jäh und spitz hinein und ineinander. Auflösung und Form agieren als fliehende Kräfte. Als die wahren Beherrscher der Bühne entfalten sie einen sprunghaften, kraftvollen Reigen aus These und Antithese. Schichtungen, die zugleich Häutungen sind. Wege nach Innen, Wege nach Außen. Eine Rhetorik der Gestaltwerdung, die wir dort begreifen, wo wir stehen. „Es gibt keine Welt, nur Welten,“ befand  Friedrich Nietzsche  (1848-1900) und umschrieb damit die philosophische Dimension der Relativität der Wahrnehmung. Es gibt keine Gewissheit, auch nicht im Werk. Und auch nicht für den Künstler.

Sonja Kälberers Werk entsteht aus tastenden Versuchen entlang der rohen, direkten Unmittelbarkeit von Stofflichkeiten, die sie im Verbund mit Licht zu einem nicht erzählbaren Ganzen zähmt. Vielgestaltige Materialien manifestieren sich wesenhaft im Raum. Werden zu heterogenen Gebilden, deren Körper und Texturen in machtvollen Spannungen zueinander stehen. Die daraus hervorspringende Energie bündelt sich in leidenschaftlichem Rot, prallt an unerbittliches Schwarz, blitzt im hellen Weiß oder vernebelt in unentschlossenem Grün. An den Nahtstellen, zwischen weich und fest, zwischen starr und wogend, zwischen kantig und rund, offenbaren sich die osmotischen, ineinander verschlungenen Prozesse zwischen Materialkörpern, Raum und Fläche. „Der Künstler darf jede Form zum Ausdruck brauchen,“ befand Wassily Kandinsky in seinen Notizen „Über das Geistige in der Kunst“.2 Sonja Kälberer entlockt Geweben eine Form und den Formen die visuelle Sprache einer aus der Materie aufsteigenden Kraft. Diese Kraft wird gleichwohl entfesselt wie gebannt und es sind jene gegenläufigen formalen Prozesse, die einen irritierenden Widerspruch erzeugen zwischen statischer Fassung der Komposition und impulsiver Binnenstruktur.

Ihr mächtigster Spielpartner bei diesem Unterfangen ist das Licht. Dessen harter, heller, gerichteter Schein lässt die mehrfach geschichteten Materiallandschaften körperhaft aus den umliegenden Schatten hervortreten. Dem kraftvollen Gegeneinander von Hell und Dunkel entspringen Dynamik, Plastizität und Tiefe. Erst die Anwesenheit dieses Lichts konstituiert wahrhaftigen wie narrativen Raum. „In gewisser Weise versuche ich Bilder zu finden, die eher einen Klang besitzen als eine Bedeutung“, sagt der schottische Maler Peter Doig (1959) über sein Werk. In Sonja Kälberers Bildtafeln erzeugt das Licht den Klang. Hinein gewoben in einen dunklen, innen liegenden, tiefen Grundton schwingen nuancenreiche, fein abgestufte Modulationen bis hinauf in die grelle Höhe eines spitzen Lichts.

Es war der italienische Universalkünstler Leonardo da Vinci (1452-1519) der als erster Luce, Leuchtlicht, von lumen, Körperlicht unterschied und zusammen mit natürlichem und künstlichem Licht als Stilmittel der Malerei qualifizierte. Am Ende seines Jahrhunderts entwickelte sein Landsmann Caravaggio (1571-1610) in seinen Gemälden das berühmte Chiaoscuro (Hell-Dunkel), welches das gesamte malerische Schaffen des Barock nachhaltig beeinflusste.3 Caravaggios meisterhaftes, wohl balanciertes Gegeneinandersetzen von hellen und dunklen Partien zur Erzeugung von Raumtiefe und zur Steigerung der bildnerischen Dramatik wurde von vielen Künstlern bis hinein in die Moderne angewandt. Stilbildende Fotografen wie Horst P. Horst (1909-1999)4 oder der russische Konstruktivist Alexander Rodtschenko (1891-1956) setzten scharfe Hell-Dunkel-Kontraste und ausgeklügelte Schattenbilder ebenso ein wie die Filmemacher des deutschen Expressionismus5 oder jene des US-amerikanischen film noir6 aus den 1940er und 1950er Jahren.

Im Rückgriff auf diese wohlfeile, in der Kunst des Barock wurzelnden Tradition bedient Sonja Kälberer die wirkungsreiche wie effektvolle Klaviatur des Lichts als jenes Element, dessen detaillierte Sprache sie zu einer variationsreichen wie geheimnisvollen Klangentfaltung bringt. Als Verweis auf die immanente Bedeutung des Lichts als Raum konstituierender Bestandteil ihres bildnerischen Schaffens bevölkern als nahezu einziges sichtbares „Mobiliar“ diverse Leuchtkörper die halbdunklen Tableaus. In ihrer doppelten Funktion als Stellvertreter wie als materielle Vergegenwärtigung der Immaterialität des Lichts offenbaren sie dieses dem Betrachter als den wahren Spielmacher im Stück. In der Unbehaustheit der Bild-Räume geraten sie zu einem spärlichen Verweis und einer letzten Spur menschlicher Existenz. [E1] 

Die Künstlerin spannt in ihrer Arbeit den Bogen von Caravaggio als dem genialen Meister eines Gestalt gebenden Lichts hin zu dem  bel composto seines italienischen Landsmannes Gianlorenzo Bernini (1598-1680), der durch seine einzigartige Verschmelzung von Architektur, Malerei und Plastik bühnenhafte Illusionslandschaften von enormer sinnlicher Präsenz schuf. Mittels ihrer Kamera holt sie ihre Raumskulpturen wieder zurück in die zweidimensionale Fläche und alles endet in einem Bild.

Josefine Raab


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