Sonja Kälberer

Fotografie
Text

Wahr sein lassen -
zum Insistierenden der Fotografie Sonja Kälberers

von Anja Brähler

Ihrer eigenen glatten Materialität verpflichtet, bringen die großformatigen Fotos Sonja Kälberers unausweichlich und schonungslos aus inneren Zimmern ein abgrundtiefes Dunkel entgegen - in dem, in verstörendem Schimmer, ein Raum, sachte und licht gehalten ist. Es erhellt sich darin eine Wirklichkeit, die aus brachialer Materialität, wüster Masse und Rausch atmet und die, über alles mögliche Erzählen hinaus, sinnlich wahrhaftig wird.
Düstere Zimmer in Verwahrlosung und zerrissen-abgerissener Zuständlichkeit versetzen in subversiven Bann aus lustvollem Ekel und Entsetzen, vibrierender Anziehung. Die Zimmer stehen in der abgründigen Einsamkeit ihrer selbst da. Manifest verklebte, aussichtslos zugerammelte Fenster halten die Tageswirklichkeit draußen. Die Welt ist dunkel und leer. Im Zimmer ist ewige Nacht. Verbarrikadiert und abgeschottet, kehrt sich der Innenraum ab von der äußeren Welt und nivelliert die Grenzen zugunsten einer Weitung ins Innere. Sonja Kälberer inszeniert ein Interieur, das sich seiner eigenen Grenzen entzieht, als Refugium.
Das Bild blendet Wände des Zimmers vorsätzlich aus oder zeigt sie nur angerissen. Improvisierte, selbst gezimmerte Wände aus Sperrholz, Wellpappe, Karton, Teppich, Plastik, Folien und anderen rohen Fragmentarien spielen mit ihrer konstitutiven Funktion, fasern substantiell aus, beulen, wölben und schichten sich. Der Bruch geht durch das Gründende des Bodens genauso wie das Schützende der Decke. Es entstehen intensive, bewegte Oberflächen, die rissig, splittrig, klebrig, sich dem Unheimlichen, Grausamen der umnachtenden Dunkelheit hingeben. In den Zimmern steht die Zeit still. Das Malerische der Flächen und die Dehnung der Zeitlichkeit stärken den Bildcharakter. Betrachter und Bildgeschehen gelangen zu einer gemeinsamen Immanenz.

Ein Standhalten, blutend.

Im bildnerischen Bauen der Zimmer leitet eine Sehnsucht nach Behausung und damit Beheimatung den wütenden, schöpferischen Willen: Aus der Verlorenheit in ein Wohnen zu kommen, das gelöst und strömend den Widerpart seiner Gegenwärtigkeit im Irdischen erfährt.
Sich zur Dilettantin machend, hantiert Sonja Kälberer mit der Wucht und Mächtigkeit von Abraum-Materialien auf der Schwelle des Ungewissen. Mit ihrem ganzen Körper und allein, setzt sie sich in meist nächtlichem Arbeitsprozess der Sperrigkeit und Grobheit aus, als viel zu starkem Gegner eigentlich. Sie verausgabt sich obsessiv und leidenschaftlich, selbstvergessen, tritt jedes Mal an den Anfang zurück und geht, vom Ungeheuren, vom Scheitern und der Verzweiflung angegangen, das ungebremste Wagnis ein, sich zu verirren und zu verlieren in Haltlosigkeit. Die künstlerisch errungene Labilität zieht bedingungslos hinein ins Kraftfeld eines unterschwellig und randständig Marodierenden. Die ordnenden Polaritäten sind entkräftet - der Zwischenraum aufgetan und errungen für den inständigen Versuch einer selbstergriffenen Identität.
Abwehrend das Gleißen taghellen Lichts, das die Dinge im harten Kontur ihrer Gegenständlichkeit definiert, gleitet das Zimmer in diffuse, abgründige Zonen gedämpften Lichts und klaffender Schatten. Diverse verborgene Lichtquellen heben indirekt beleuchtend den Raum in anspruchslose Dämmerung.
Im Inventar lebloser Lampen, leerer Bilderrahmen, reflektierender Metalle, Spiegel und Schriftzüge bezieht sich das Interieur auf sich selbst - Verdichtung introspektiver Betrachtung, die ins Zwielichtige, ins Übergängige mündet. Die Installation erfährt ihr Korrektiv im Blick der aufgestellten Kamera, und erst im Bild erlangt die Wirklichkeit Objektivität.

Das Unbergsame
Mein Du im Alleinstehen
atmest in geweiteten Poren der Leere
die strömende Gleichmut der Dinge

Im verstohlenen Licht, entgleitend im schimmernden Widerhall vielfältiger Materialien, bricht sich die Wirklichkeit des Anderen frei. Das nicht jenseitig oder imaginär, sondern schon immer in der Nähe, da ist. Der unbezwingbare Moment des kathartischen Umschlags ins Wirkliche, jetzt gegenwärtig zu sein, entlädt sich ins Bild. Sonja Kälberers Fotografien zeigen als Ereignis die Durchdringung der Formen durch das Unfassbare. Das wahr sein lassen.

Biografie

1970 geboren in Stuttgart
1990-1992 Studium der Slavistik und Germanistik an der Universität Tübingen
1992-1995 Krankenpflegeausbildung
seit 1997 tätig in der Psychiatrie Nürtingen
2003-2009 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Ingo Meller und Prof. Peter Piller
2010-2012 Meisterschülerin bei Prof. Ingo Meller
lebt in Dettingen/Teck und Leipzig

Einzelausstellungen

  • 2010 Bel composto, Gedok Galerie, Stuttgart
    2008 Arbeiten, Galerie Junge Kunst, Kunstverein Trier
    2004 Air, Oberwelt e.V., Stuttgart
    Arbeiten, Galerie Unikum, Kirchheim unter Teck

Ausstellungsbeteiligungen

  • 2011 Auslöser, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
    2010 Hotel Genial, Kunstverein Tiergarten/ Galerie Nord, Berlin
    Gute Aussichten - Junge deutsche Photographie, Deichtorhallen - Haus der Photografien, Hamburg
    Forum der DZ- Bank, Frankfurt am Main
    Goethe-Institut, Washington
    Foto – Espana, Madrid
    Grid, Foto – Festival, Amsterdam
    2009 Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie 2009/ 2010, Museum Marta Herford
    2008 Junge Kunst, Galerie Kleindienst, Leipzig
    Randbelichtung, Klasse Peter Piller, Kunstverein Glücksstadt
    Stuttgard Artist Exhibition, Pilkington Gallery, St. Helens (GB)
    2007 Fotosommer Stuttgart
    2006 Fünf fotografische Positionen, Gedok, Rathaus Stuttgart
    Kunst regional, Städtische Galerie im Kornhaus, Kirchheim/Teck
    Raumprobe, Schauspielhaus Leipzig
    Applaus, Lindenfels Westflügel, Leipzig
    Bürgerhaus, Sulzfeld
    2005 Kunsthalle Vogtland, Reichenbach
    Galerie archiv massiv, Leipzig