Steve Viezens

Malerei
Arbeiten auf Papier
Druckgrafik
Text

Neueste Leipziger Schule? Nein, unabhängig und unkonventionell
von Dr. Angelika Otto

Steve Viezens Bilder faszinieren durch ihre Gegensätzlichkeit. Meist ist der Großteil der Bilder, oft der Hintergrund oder die Landschaft, bis ins letzte Detail altmeisterlich ausgearbeitet, im Vordergrund jedoch befindet sich eine plane Stelle, wie etwa cartoonähnliche Gesichter oder Masken, die seine Figuren zieren. Gerne verwendet er auch farbliche Gegensätze (wie in „Hello, I‘ m Steve) oder Widersprüchliches auf der Handlungsebene. Dadurch, dass der Hintergrund meist dunkel oder sehr feinteilig ist, wirkt das Geschehen im Vordergrund zudem oft wie auf eine Bühne gestellt. Viele der Bilder erzählen Geschichten, deuten Zwischenstände des Bewusstseins, Sprachfiguren oder Märchenhaftes an. Man fühlt sich an die alten Meister, aber auch viel an das 18. und beginnende 19. Jahrhundert erinnert, als das Bild noch eine Bühne war, der Mensch sich auf sich selbst besann und zunehmend das Bürgertum den Ton angab. So ist auch ein kleines Bild von Antoine Watteau, der „Gilles“, eines der Schlüsselwerke für Viezens und Anstoß für ihn gewesen, selbst zu malen; er besuchte zwar schon als Sechsjähriger seinen ersten Kunstkurs, hatte allerdings bis in die ersten Semester seines Studiums vor allem gezeichnet, radiert, Holzschnitte und Lithografien angefertigt, aber sich nicht ans „Malen“ gewagt. Steve Viezens: „Als ich das erste Mal den „Gilles“ im Louvre sah, das war wie frische Luft atmen. Dann zum ersten Mal einen Francis Bacon in echt zu sehen, einen Balthus, Matisse, Picasso, Rodin (...). Die Kraft, Frische und Freude, die in diesen Werken steckte, hat mich regelrecht umgehauen, danach konnte ich keinen 5-x-10-cm-Holzstich mehr machen.“
In den Werken von Viezens sind viele Analogien zu seinen persönlichen Vorbildern zu erkennen, ohne, dass sie dadurch epigonal wirken. Neben der Technik des Verfremdens und des humorvollen Aufgreifens von Gegensätzen arbeitet der Künstler auch gerne mit collageartigen Kompositionen. So ist die „Versuchung des Heiligen Antonius“ von dem Gemälde des italienischen Renaissancemalers Bernardo Parentino inspiriert, setzt aber die nur grob in der Komposition an das Vorbild erinnernden Monster und Versuchungen vor eine stacheldrahtbewehrte Mauer. Der am Boden in Abwehrhaltung ausgestreckte Heilige Antonius trägt die typische „Viezens“-Maske. Erstaunlicherweise wirkt das kleinformatige Gemälde (49,5 x 54 cm) gerade dadurch so erschütternd intensiv, weil – wie so oft bei Viezens – genau das emotionale Zentrum des Bildes, der Kopf des heimgesuchten Heiligen, ein blinder Fleck ist. Platz für unsere eigenen Projektionen, Ängste und Qualen. Steve Viezens meint zu dem Bild: „Obwohl das Bild sehr „gegenständlich“ ist und auch kunsthistorische Bezüge hat, sind diese intuitiv gewählt, nicht bewusst. Ich wurde, als ich dieses Bild malte, von meinen eigenen geistigen Dämonen nicht nur heimgesucht, sondern regelrecht verprügelt. Als ich das Bild fertig vor mir sah, wusste ich – ich muss in meiner Lebenseinstellung was ändern!“
Das Gemälde mit dem sprechenden Titel „at home in the golden age“ (siehe auch Ausschnitt auf der Titelseite) zeigt eine zusammengesunkene, gesichtslose Gestalt im Superheldenkostüm vor einem Baum und einem ländlich wirkenden Hintergrund. Aus der Krone des Baumes grinst ein frecher Affe und ein fetter, gerupfter Hühnchenbraten fliegt durch das Bild. „Golden Age“, der Titel spielt sowohl mit dem eingebürgerten Fachbegriff für das „goldene Zeitalter der niederländischen Malerei“, das auch in der Malweise des Hintergrunds aufgegriffen wird, als auch mit dem vermeintlich goldenen Zeitalter der Jetztzeit, in dem alles möglich scheint. Die Gegenwart in Gestalt des niedergeschlagenen Superheldens wird so als Zeitalter der „Möglichkeiten, die dann doch keine sind“ dargestellt. Steve Viezens: „Jeder möchte gern besonders sein, erfolgreich und am besten noch berühmt. Und am Ende hangeln so viele von einem Praktikum zum nächsten, wie arbeitslose, anonyme Superhelden.“
Auch „Hello, I‘ m Steve“ arbeitet mit einem starken Bruch. Ein vor Farbe und Kraft strotzendes Monster in Signalfarben steht alleine und in scharfem Kontrast zu seiner Umwelt vor einer tristen, heruntergekommenen Mauer. Auch wenn Viezens meint, er habe das Gemälde ursprünglich aus dem Impuls heraus gemalt, die negativen städtbebaulichen Veränderungen in Istanbul, das immer mehr zu einer Einheitsmetropole modernisiert wird, aufzugreifen, ist es doch auch sein ganz persönlicher Tribut an die heilende Kraft der Kunst. Um mit seinen Worten zu schließen: „Nach der Zweifelphase in der das Bild des Antonius entstanden ist, hat mir das ‚Monster der Kunst‘ mit seiner Komik und Sprengkraft wieder zu neuer Lebendigkeit verholfen.“

Biografie
  • 1981 geboren in Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz)
  • 1999-2005 Studium der Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • 2005 Diplom Fachrichtung Malerei/Grafik bei Prof. Rolf Münzner
  • 2005-2008 Meisterschülerstudium bei Prof. Sighard Gille
  • seit 2018 Lehrauftrag und Leiter der druckgrafischen Werkstätten an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg
  • lebt und arbeitet in Fürth

Einzelausstellungen

  • 2018 Landschaft mit Flecken, Galerie Hübner + Hübner, Frankfurt am Main
  • 2017 Caprichos, Thaler Originalgrafik, Leipzig
  • 2014 Budenzauber, Villa Katzorke, Essen
    Zur Not fressen die Fliegen auch Teufel, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2011 Ich tausche meinen Hund gegen eins deiner Schweine, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2010 Schwarzwald, Im Namen des Raumes, Berlin
  • 2009 Entweder es war dunkel oder es hat geregnet, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2008 Meisterschülerausstellung, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
  • 2007 The teardrop explodes, Stadtgalerie Schwaz (Österreich)
    Malerei und Zeichnung, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2005 Mann oder Maus, Diplomausstellung, Galerie Kleindienst, Leipzig

Ausstellungsbeteiligungen

  • 2018 Ereignis Druckgrafik, Tapetenwerk, Leipzig
  • 18. Deutsche Internationale Grafik-Triennale, Kunstverein Frechen
  • Paradox, Museum für Druckkunst, Leipzig
  • Vierundzwanzigmaldreißig, Thaler Originalgrafik, Leipzig
  • 2017 Ladder to Heaven, Neuer Pfaffenhofener Kunstverein, Pfaffenhofen
  • Pentomino #4, Thaler Originalgrafik, Leipzig
  • Künstler der Galerie, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 6. Hochdruck-Grafik-Symposium, Carpe Plumbum, Leipzig
  • 2016 Sommerausstellung, Thaler Originalgrafik, Leipzig
  • Offenbarung. Leipziger Künstler und die Religion, Altes Rathaus, Lutherstadt Wittenberg
  • Sein. Antlitz. Körper, St.-Canisius-Kirche, Berlin
  • 2015 Thaler auf AEG, Auf AEG, Nürnberg
  • Vertraute Gesellschaft, Thaler Originalgrafik, Leipzig
    Gute Kunst? Wollen! SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, Auf AEG, Nürnberg
  • Pentomino, Thaler Originalgrafik, Leipzig
  • 2014 Neue Bildwelten aus Leipzig, Heike Moras Art, London
    BGL#1, Kesselhaus, Bergisch Gladbach / Köln
    Entwicklungen - Wanderausstellung des Sächsisch-Bayerischen Städtenetzes, Bayreuth / Chemnitz / Zwickau
  • 2013 Tierstücke - Niederländische Tiergemälde des 17. Jhds. im Dialog mit zeitgenössischer Malerei, Sammlung SØR Rusche Oelde/Berlin, Museum Abtei Liesborn, Liesborn
    Entwicklungen - Wanderausstellung des Sächsischen-Bayerischen Städtenetzes, Hof / Plauen
  • 2012 Eros und Thanatos (SØR Rusche Collection), Werkschauhalle Leipzig
  • 2011 Convoy Leipzig, Biksady Galeria, Budapest
    Meissen art Campus, Werkschauhalle, Leipzig
    16. Internationale Grafik-Triennale Frechen, Kunstverein Frechen
    After the Goldrush - Malerei aus Leipzig und Düsseldorf, Kunstverein Speyer
    Lubok - Künstlerbücher aus Leipzig, Kunstmuseum Reutlingen
    Dürer und Co. reloaded, Kunstmuseum Reutlingen
  • 2010 Lubok - Künstlergrafik aus Leipzig, Kunstverein Essenheim
  • 2009 Belgische Pralinen, Galerie Antje Wachs, Berlin
    Von der Wand in den Mund, Vorstadt 14, Zug
    Druckkunst x 15, Museum für Druckkunst Leipzig
  • 2008 18. Grafik Symposium, Hohenossig
    Drawcula, Galerie Kleindienst
    Drei, Galerie Antje Wachs, Berlin
  • 2005 Neues aus Leipzig, Galerie Hübner, Frankfurt
    12. Leipziger Jahresausstellung, Städtisches Kaufhaus, Leipzig
    Kunstraum am See, Leipzig
    Nur ein Traum, Galerie Antje Wachs, Berlin

Bibliografie

  • 2012 'Die Fälschung/ il falso', Texte von Ulrich Tukur, Herausgeber: Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2011 'Despite moments of clarity, there is no ''ism'' i this book.' (100 New Artists), von Francesca Gavin, englisch, Verlag: Laurence King (K)
  • 2007 'Zuschau/Hinseh', mit einem Text von Dr. Jan Nicolaisen, Herausgeber: Galerie Kleindienst, Leipzig