In The Crack in the Bowl wendet sich die Malerin Henriette Grahnert dem Genre des Stilllebens zu. Ihr charakteristischer abstrakter Stil erlaubt es ihr, eine Wahrnehmungsebene des magischen Realismus zu konstruieren, in der jedes Gemälde gleichermaßen entrückt wie zutiefst anschlussfähig erscheint.
Obwohl Stillleben durch die Anordnung unbelebter Objekte gekennzeichnet sind, ist die ihnen zugrunde liegende Erzählung zutiefst menschlich. Es ist die aktive Abwesenheit der menschlichen Figur, die eine starke Präsenz hervorhebt: die einer Person, ihrer Geschichte und ihrer Handlungsfähigkeit. Dies zeigt sich ebenso in der Intentionalität der Assemblage wie in der Beschaffenheit der häuslichen Gegenstände selbst. Darüber hinaus aktivieren Grahnerts Arbeiten durch Abstraktion tief verankerte wahrnehmungspsychologische Mechanismen der Anthropomorphisierung (Vermenschlichung). Infolgedessen genügen bereits minimale Hinweise wie Neigung, Asymmetrie oder räumliche Spannung, um Objekte als empfindsam oder emotional expressiv erscheinen zu lassen. Sobald ein Objekt eine Schwelle der Wiedererkennbarkeit überschreitet, kann es als Stellvertreter emotionaler Zustände und psychologischer Narrative fungieren. Besonders deutlich wird dieser Mechanismus in den wenigen Porträts, die in dieser Ausstellung zu sehen sind.

 

Neben Grahnerts Gemälden präsentiert die Ausstellung auch eine Reihe ihrer Collagen. Dieses Medium verkörpert eine Spannung zwischen der Unmittelbarkeit des kreativen Impulses und dem langsamen Prozess der ihm vorausgehenden Materialansammlung. Die Arbeiten eröffnen einen intimeren Einblick in den künstlerischen Prozess – das fortwährende Hin- und Herwerfen von Gedanken und Formen bis zu jener schwer fassbaren, intuitiven Entscheidung, sie festzuschreiben. Für Grahnert fungiert der Collageprozess zugleich als visuelle Erkundung, die kontrastierende Striche und Texturen in ihre Malerei überführt. Den abschließenden Akzent setzt der jeweilige Titel, der das Bild nicht beschreibt, sondern den Interpretationsraum erweitert.
Der titelgebende Crack in the Bowl verweist auf ein auslösendes Ereignis, während die Vielzahl der in den Motiven auftauchenden Tische und Stühle eine szenografische mise-en-scène nahelegt. So entsteht eine übergreifende narrative Spannung, die sich möglicherweise erst durch ein längeres Verweilen bei den ausgestellten Arbeiten auflöst. The Crack in the Bowl lädt die Betrachtenden dazu ein, sich spielerischen Interpretationsimpulsen zu öffnen und den Verlauf der Erzählung zu genießen.

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