FOREVERGLAD(E) – Paradise.exe

Die Maler der Romantik traten der Landschaft in Ehrfurcht gegenüber. Die Natur war das Erhabene, das Göttliche – etwas, dem sich der Mensch demütig zu nähern hatte. Julius Hofmann blickt auf dieselbe Landschaft, doch sein Auge ist ein anderes: geschult an Pixeln, Renderings und den simulierten Welten digitaler Bildschirme. Was er sieht, ist nicht Natur, sondern ihr Abbild – und die Frage, ob dahinter noch eine Wirklichkeit steckt, lässt er bewusst offen. Man weiß nicht, ob man einer realen Landschaft begegnet oder einer Virtual Reality, die nur vorgibt, eine zu sein.

Der Blick als Machtdimension. Die Isometrische Perspektive, die fünf der sieben Bildpaare bestimmt, ist kein demütiger Blick von unten – sie ist der Blick von oben, der Blick eines Gottes, eines Gamers oder einer Shahed-136. Der Betrachter wird in eine Position versetzt, die der romantische Maler nie beansprucht hätte.

Hofmann's Tableaus operieren an der Schnittstelle von Kartographie, 2D-Game-Ästhetik und malerischer Geste. Die Arbeiten übernehmen das Raster eines strategischen Spielfelds, verschieben es jedoch in eine Bildsprache, die weder vollständig illusionistisch noch rein grafisch ist. Es entsteht ein Spannungsfeld, das an den Konflikt zwischen Skeuomorphismus und Material Design erinnert: Räume, Wege und Objekte sind so inszeniert, dass sie an GUIs und Levelkarten erinnern – und doch widersprechen Pinselspur, organische Materialität und zögernde Unsauberkeit der glatten Logik des Digitalen.

Sieben Bildpaare bilden das Herzstück der Ausstellung. Frühling und Winter, jeweils gegenübergestellt – doch der Kontrast ist keiner zwischen Jahreszeiten, sondern zwischen zwei Aggregatzuständen des Imaginären. Die Frühlingsbilder atmen die künstliche Idylle der Windows-XP-Ära: sattes, fast toxisches Grün, Licht ohne Schatten, eine Natur, die nie gefroren hat und nie gefroren sein wird. Es ist die Landschaft als Versprechen, als Desktop-Hintergrund einer Welt, die so nie existierte. Die Winterlandschaften antworten darauf mit stiller Schärfe. Schneebedeckte Flächen, menschenleer, in einem Licht, das weniger erleuchtet als ausbleicht. Die Zivilisation scheint nicht abwesend, sondern gänzlich verschwunden – nur noch Fragmente von Mauern, ausgetretenen Pfaden und Gartengestaltung zeugen von ihrer einstigen Existenz.

Inmitten dieser menschenleeren Szenarien versinnbildlicht ein Diptychon die zwei gegenüberstehenden Pole von Leben und Tod. Im ersten Bild „Save State (left)“ steht ein Paar, abgewandt, links und rechts neben einem Baum – eine Hommage an die ikonischen Rückenfiguren  Oskar Schlemmers, zugleich eine Anordnung, die entfernt an eine Y2K-Version des Sündenfalls erinnert. Diesen "slicken" Stil mischt Hofmann mit seinen spröde malerischen Konterpunkten auf. Der Baum trägt ein fröhliches Gesicht im Stamm, während das lasterhaft satte Grün der Hügel und das brutale Blau des Himmels fast fade wirken, als wäre die Welt bereits zu perfekt, um wahr zu sein. Das zweite Bild „Save State (right)“ antwortet mit apokalyptischer Wucht: Ein Skelett liegt am Boden. Der Baum lächelt nicht mehr – sein weit aufgerissener Mund wirkt wie ein schwarzes Loch, aus dem ein Wehklagen zu dringen scheint. In seiner Krone hat sich eine Kamikazedrohne verfangen und zu seinen Wurzeln liegt ein kleines Purple Heart. Rechts das Rudiment einer Tarnuniform. Der Hintergrund leuchtet in Gelb und Orange, als verglühe die Welt in einer nuklearen Katastrophe.

Trotz der düsteren Aura schafft Hofmann eine verzauberte Atmosphäre und fängt zeitlose Momente vollkommener Ruhe ein. In dem Bild „Mallorquinische Landschaft" stellt er die Schönheit und Gelassenheit eines sanft rauschenden Wasserfalls dar und beherrscht diesen dynamischen Effekt meisterhaft mit wenigen Pinselstrichen. Die vom Mond angestrahlte Winterlandschaft erzeugt durch die nächtliche Stille und die Feuchtigkeit des expressionistischen Schnees eine Atmosphäre, die an eine Art vierte Dimension erinnert. Zwei gegensätzlichen Pole – das analoge Handwerk und die digitalen Artefakten – finden sich auch in Hofmann's malerischer Übertragung wieder. Ein Wechselspiel zwischen Zeigen und Nichtzeigen. Vereinfachte, collagenhaft anmutende Elemente treffen auf facettenreiche Texturen und detaillierte Komponenten, wie beispielsweise die traditionellen mallorquinischen Feldsteinmauern. Hofmann versteht es, den Betrachter mit all seinen malerischen Raffinessen in den Bann zu ziehen – und erschafft eine romantische Dystopie und seinen ganz eigenen Postdigitalismus.

Michaela Kühn

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