Mike OKAY | Smells Like Teen Spirit
25.09.2026–24.10.2026 | WESTSIDE LEIPZIG
mit einer Duftkomposition von Veronika Raupach
Eröffnung am Freitag, 25. September 2026, 19 Uhr
geöffnet freitags 15-18 Uhr
und samstags 12-15 Uhr
Die Ausstellung Smells Like Teen Spirit dokumentiert Mike Okays künstlerische Auseinandersetzung mit der Wasserfarbenmalerei – und eine persönliche Annäherung an konkretere Ausdrucksformen. Sie wird ergänzt durch Duftkompositionen der Künstlerin Veronika Raupach.
Bekleidet mit Helm und Uniform rennt, rollt und rangelt ein Figurenpaar durch die neuen Bildwelten von Mike Okay. Sie setzen sich Plüschtier-Masken auf, spielen »Hü, Pferdchen Hü« und »Schnick Schnack Schnuck«, fahren Inlineskates oder messen sich in Ping Pong, Armdrücken und Boxen. Kämpferischer Gestus und statische Positur treten in Kontrast zu dynamischer Aktivität und kindlicher Leichtigkeit – und lösen sich auf in einem fließend-leichten Farbenspiel.
Es sind die ersten Arbeiten des Künstlers überhaupt, die menschliche Figuren zeigen. Bisher dominierten urbane Strukturen, Spielzeuge, Comichelden und kulturelle Codes seiner Kindheit und Jugend die meist großformatigen Leinwände. Roughe Airbrushlinien umrissen in der Werkreihe Toy Stories (2020) kleine Bildgeschichten von Puppen, Kuschelhasen und gecrashten Matchboxautos auf homogenen Leinwänden. Mit Alle Pudel fliegen hoch (2023) erhob Mike Okay das Malen zum Kinderspiel, indem er seine fertigen Motive zerschnitt, wie ein Schiebepuzzle neu zusammensetzte und abermals übermalte.
Kleine Details aus diesen vorangegangenen Arbeiten ergänzen auch die Szenerien der neuen Großformate: Ketten, Maskenbrillen, Martinigläser, vor allem aber Tropfen. In Stein, Schere, Papier wurden sie aus Leinwandfragmenten collagiert. Einem eigenen Raster folgend, »tänzeln« sie geradezu über das Bild. Als silbern schimmernde Objekte aus Aluminium hängen sie in der gesamten Ausstellung zu fünfzehnt an Decke und Wänden und schaffen so eine räumliche Verbindung zwischen den gezeigten Arbeiten. Ihre Betonung ist unmissverständlich.
Doch handelt es sich um Regentropfen? Martini-Spritzer? Oder Tränen? Antworten geben die Arbeiten selbst. Die Protagonisten in Das Duell spielen Armdrücken auf der Motorhaube eines »Mercedis«, den jeweils anderen Arm lässig hinter den Kopf gestützt. »Too much Emotion?«, fragt eine Figur die andere. Sie antwortet: »Full Speed Devotion!« Die Aufforderung lautet, sich den eigenen Gefühlen mit voller Leidenschaft hinzugeben; Freude, Trauer, Schmerz oder Überwältigung als Quellen der wahren Authentizität ernst zu nehmen und Raum zu geben.
Ist dies der Leitgedanke dieser neuen Werkserie: Die Nähe zu sich selbst zu finden? Betrachtet der Gewichtheber in Summer Body Loading vielmehr seine mentalen Stärken und Schwächen im Spiegel, anstelle seiner Muskelkraft? Tragen die Figuren ihre Helme zum Schutz vor innerem Schmerz, statt äußerer Verletzung? Und soll das Gläschen Martini in Cheers for Fears folglich nicht etwa helfen, die eigenen Ängste zu betäuben, sondern sie der Außenwelt aufzuschließen?
In diesem Sinne verstehen sich Mike Okays Arbeiten auch als Antwort auf Nirvanas Hymne einer Jugend, die von innerer Zerrissenheit geprägt war und sich eben nicht ernst genommen fühlte. Dabei steckt gerade in den jungen Jahren des Lebens eine Neugier, Aufbruchsstimmung und Abenteuerlust, die es verdient, gehört zu werden. Eben diese Kraft, dieser Teen Spirit, inspirierte die Künstlerin Veronika Raupach zu drei Duftkompositionen, die in der Ausstellung zusammen mit Mike Okays Arbeiten präsentiert werden.
Sie werden als Duftproben auf Teststreifen bereitgestellt und begleiten den Gang durch die Ausstellung. Gerüche sind im Gehirn direkt mit dem limbischen System verknüpft, weshalb sie starke Gefühle und Erinnerungen auslösen. Diese individuellen Assoziationen treten in Korrespondenz mit der visuellen Wahrnehmung der Malerei. Die Duftkunst erweitert die intendierte Innenschau, indem sie die sinnliche Erfahrung der Bildbetrachtung um eine weitere – zutiefst persönlich geprägte – Dimension bereichert.
In der Gesamtschau der Arbeiten von Mike Okay lassen sich nicht allein die Bildentstehung, sondern auch die künstlerische Auseinandersetzung mit verschiedenen Möglichkeiten der Wasserfarbenmalerei als Prozess nachvollziehen.
Die Annäherung an sich selbst knüpft Mike Okay an neue künstlerische Ausdrucksformen. Er legt die Airbrushpistole zur Seite und nimmt den Pinsel in die Hand. Damit löst er den indirekten Farbauftrag ab durch eine Malmethode, die ihn unmittelbarer mit der Leinwand verbindet. Die flüssige Acryltinte bringt er auf die horizontal ausgerichtete, transparent grundierte Leinwand auf. Die Farben fließen ineinander, überlagern sich, bilden eigene Formen aus. Der Duktus bleibt stehen. Der Prozess ist sichtbar.
Konturen werden nicht länger von harten Outlines sondern durch zarte Schattierungen bestimmt, satte Farben weichen einer sanften, fast durchscheinenden Palette. In einem weiteren additiven Schritt bringt der Künstler darauf weitere Strukturen und Details auf, vereinzelt collagiert er ganze Leinwandfragmente anderer Arbeiten. Dadurch erzeugt er eine stärkere Bildtiefe und zugleich mehrere Bildzentren, die sich über die gesamte Leinwand erstrecken. Das Bild vereint zwei Kompositionen in einer: das originäre Arrangement und darüber gespannt das polyfokale Allover.
Das Duell und der Gänsemarsch zeigen eine vollere Pigmentierung, übereinander gelagerte Farbschichten und darauf platzierte Figuren, die sich kaum vom Hintergrund abheben, mit ihm geradezu zu verschmelzen scheinen. Erwecken sie in der Fernwirkung den Eindruck von meditativen Farbfeldern, offenbart der intensivere Blick die eigentliche Szene und die Nahdistanz den Detailreichtum in ergänzender Motivik und Farbenspiel. In diesen drei Phasen der Wahrnehmung überträgt sich das immersive Erlebnis des Künstlers auf die Betrachtenden.
Stärker heben sich die Figuren in Summer Body Loading und dem Riesenformat Close Combat von den Hintergründen ab. Der Fokus liegt auf den dargestellten Szenerien. Weniger offensichtlich als der Gewichtheber thematisiert der Boxkampf dabei die eigene Selbsterfahrung. Denn im Ring stehen sich mit Rocky und Rambo zwei Figuren gegenüber, die von ein und demselben Schauspieler gemimt werden, Sylvester Stallone. Es scheint als konkurrierten hier verschiedene soziale Rollen miteinander, wie sie in jedem von uns existieren und miteinander zu versöhnen sind.
Mit Im Galopp und Stein, Schere, Papier konkretisiert Mike Okay die Wasserfarbenmalerei signifikant. Beide Arbeiten zeichnet ein klarer, deutlich reduzierter Farbauftrag aus. Mit dem homogenen Hintergrund und den vergleichsweise wenigen Details – drei Kettenfragmente, einige Martinigläser auf dem Boden und ein Allover von kleinen Tropfen – wirkt Im Galopp in Mikes Bildkosmos geradezu minimalistisch. Zugleich erzeugen die im Spiel auseinanderstrebenden Körper auch die stärkste Dynamik.
Mit Helmen, Masken, Uniformen, weiten Jacken, Hosen und Unisex Stiefeln bleibt die Identität des Figurenpaares in allen Bildern absichtlich ungeklärt. Mit Stein, Schere, Papier treibt Mike Okay die Anonymität seiner Protagonist*innen auf die Spitze: Eine der beiden Figuren hält den abgesetzten Helm in ihrer Hand. Doch der Bildausschnitt ist so schelmisch gewählt, dass uns das entblößte Gesicht jenseits der Leinwand im Verborgenen bleibt. Ein geschickter Kniff: Die Betrachtenden sind eingeladen, sich mit dem Bildpersonal zu identifizieren – und einzusteigen in ein Spiel von mannigfaltiger Interpretation.
So begegnen sich in der Ausstellung Smells Like Teen Spirit nicht nur Malerei und olfaktorische Kunst, sondern vor allem die Besuchenden selbst.
Ausstellungstext von Katharina Lorenz, 2026