Annette Schröter

Papierschnitt
Malerei
Text

Zeitschnitte (Auszug)
von Michael Hering (in: Annette Schröter - Taska, MMKoehn Verlag 2015)

In ihrer mit dem russischen Wort Taska (Schwermut) betitelten Werkgruppe, die dem Betrachter auf den ersten Blick als Gemengelage dissonanter Motive gegenübertritt, hat Annette Schröter eine Zeitreise revitalisiert. Einzelne Scherenschnitte wirken wie verblasste und überzeichnete Erinnerungsbilder, andere wiederum haben den Charakter von unmittelbaren Reiseerlebnissen, die die Künstlerin unterwegs gesammelt hat, währenddessen ihr radikal divergierende Lebensrealitäten begegneten. Die vielteilige Werkgruppe ist, wie sich weiter unten zeigen wird, eine gewagte, wenngleich künstlerisch souveräne Setzung, die in der Polyfonie der Motive eine Vielfalt an Sinneseindrücken heraufbeschwört, die jedwede lineare oder in anderer Formulierung tendenziöse Lesart ad absurdum führt. Stattdessen gibt sie eine vielschichtige Sicht auf eine Lebenswelt frei, ohne Gefahr zu laufen, ins Anekdotische oder Moralische abzugleiten.

Einen unbeschwerten Einstieg in die Serie geben die Weiten der Kornfelder. Sinnbildlich betrachtet, schließen sich einzelne Ähren im Bildvordergrund sanft zu einer wogenden fruchttreibenden Matrix zusammen. Erst am Horizont zeichnen sie sich in ihrer unfassbaren Vielzahl als monotone Fläche ab, die die Agraridylle zum flächendeckenden Größenwahn zentral gelenkter Großkombinate verkehrt. Widerstand leisten hier ausschließlich einzelne störrisch hervorstechende Halme, die diese Monotonie durchkreuzen. Auch die vitale Personifikation eines ährengeschmückten Mädchenkopfs würde sich in diesem Kontext als Lobgesang auf eine prosperierende Agrargesellschaft verstehen lassen, bliebe sie nicht hinter einem flächendeckenden Muster seltsam gesichtslos. Und so verkehrt sich die ornamentale Camouflage zur Balaklava will sagen Sturmkappe"– ein Vexierbild, das zum Menetekel gerät.

Die Serie Taska lebt von diesen ambivalenten Lesarten, die sich wie ein roter Faden durchziehen. Auch in der Zusammenschau einzelner Scherenschnitte treten sie offen zutage. Hier fallen zuerst die farblosen, politisch konnotierten Motive der Militärdenkmäler ins Auge. Waghalsige Perspektiven und Bildausschnitte lassen sie wenig standhaft erscheinen, sodass über ihren aktuellen Funktionswert nur gerätselt werden kann. Ein beredtes Beispiel hierfür sind die scharf geschnittenen, erstarrten Gesichter zweier junger Soldaten. Wirken sie durch den harten Schwarz-Weiß-Kontrast in ihrer überzogenen Pose zuerst wie versteinerte Heldenporträts. Zugleich verklärt sie das diffuse Hintergrundrauschen paralleler Scherenschnitte zur fahlen Grisaille, sodass ihr vormals visionäres Ziel in den ausgelöschten Augenhöhlen als leergelaufenes Hirngespinst implodiert. Im Kontrast dazu steht das Bruststück einer jungen Landfrau im Profil, bei dem das Motiv mit anderen Mitteln als Klischee entlarvt wird. Die Dargestellte scheint rätselhaft verunklärt, entrückt und nicht von dieser Welt zu sein. Präzise erweitert Schröter hier die klassischen Mittel des Scherenschnitts, wenn das Motiv sich hinter einer fahlen Milchglasscheibe zur Aporie verkehrt und letztlich als schöner Schein einer trügerischen Landidylle ein zeitloses Schattendasein führt.

Gegenüber diesen überzeichneten klassischen Motiven gibt es andere Werke in der Serie, welche die Gegenwart zu spiegeln scheinen, ohne einen normalen Alltag vorzustellen. Ins Auge sticht hier zuvorderst das gerasterte Verbotsschild mit einer Schusswaffe. Es macht die Besucher osteuropäischer Shopping Malls darauf aufmerksam, dass das Mitführen von Handfeuergewehren untersagt ist. Ein Lebensgefühl, das auf den ersten Blick nicht für jedermann verständlich ist. Gleichfalls fantastisch wirkt der Turmbau eines abstrakten Fadengespinsts. Es entpuppt sich in seinen kreisenden Linien als die dimensionslose Architekturphantasmagorie eines subkutanen Geflechts, das nach den Repräsentationsbauten der Stalin-Ära in den superreichen Innenstädten osteuropäischer Metropolen neue Stilblüten wie Pilze aus dem Boden schießen lässt.

Demgegenüber stehen flüchtige Reiseimpressionen, beispielsweise von streunenden Katzen, die sich in der Sonne aalen, oder vom Schattenwurf einer Palme, der sich auf einem starkfarbigen Fliesenspiegel abzeichnet"– alltägliche Momentaufnahmen einer rauen Stadtidylle. Aus diesem Blickwinkel erklären sich auch die Motive eines farblich grell überzeichneten Kinderspielplatzes oder einer fluoreszierenden Entenbahn in einem nächtlichen Vergnügungspark. Letztlich stehen auch sie den Auswüchsen einer zuvor beschriebenen hoch technisierten hedonistischen Gesellschaft wie anachronistische Relikte einer altmodischen Parallelwelt gegenüber. Von Bild zu Bild reizt Schröter technisch virtuos die Mittel des Scherenschnitts aus, um jenseits plakativer Motive jede Einzelbeobachtung in einem souveränen Werk auf den Punkt zu bringen.

Dass der Scherenschnitt in der Serie Taska jeden Anklang an eine handwerklich-folkloristische Idylle verliert, wird nicht zuletzt in der Vielfalt der Ornamentvarianten deutlich. Sie machen einen der Reize der Serie aus. In ihnen begegnen sich Orient und Okzident und überschneiden sich Volkskunst und künstlerische Avantgarde. In der Zusammenschau künden sie von der Koexistenz verschiedener Traditionen und Zeitschichten sowie von der Fülle kultureller Strömungen und Einflüsse. Insgesamt konstatieren diese abstrakten Tableaus wertfrei die Vielfalt einer Lebenswelt und stehen als abstrakte Signale für die Pluralität einer Kultur ein.

Biografie
  • 1956 geboren in Meißen
  • 1977-1982 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig / Fachklasse Malerei bei Prof. Bernhard Heisig
  • 1999-2001 Gastprofessur für Malerei an der Hochschule für Kunst und Design, Halle/Saale
  • 2004–05 Dozentin an der Hochschule für Bildende Künste, Dresden
  • seit 2006 Professur für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
  • lebt und arbeitet in Leipzig

Einzelausstellungen

  • 2018 Montevideo (mit Erasmus Schröter), Museum der bildenden Künste, Leipzig
  • Montevideo (mit Erasmus Schröter), Stadtgalerie Kiel
  • Alles über die Rose, Kunstkabinett Tiefenthal
  • 2016 Weggefährten, Galerie Peters-Barenbrock, Ahrenshoop
  • Taska, Galerie Wichtendahl, Berlin
  • 2015 Taska, Galerie Kleindienst, Leipzig
    Trostbrücke (mit Erasmus Schröter), Kunstverein Freunde Aktueller Kunst, Zwickau
  • 2014 NUN - Annette Schröter, Papierschnitte 2008 - 2013, Anger Museum, Erfurt
    SCHNITT FÜR SCHNITT, Cut Outs, Städtische Galerie im Schloß Isny, Allgäu
  • 2013 zartumriss'ne holde Finsternisse, Galerie Wichtendahl, Berlin
  • 2011 Escape from Colditz. Annette Schröter & Erasmus Schröter, departurelounge, London
    Heutzutage, Galerie Wichtendahl, Berlin
    Licht und Schatten (mit Erasmus Schröter), Deutsche Botschaft, London
    Paper, Pertwee Anderson & Gold, London
  • 2010 Papierschnitte, Kunstverein Marburg, Marburg
    Lied der Zeit, Galerie Rothamel, Erfurt
  • 2008 Wildwuchs, Galerie Binz und Krämer, Köln
    Mehr Wildwuchs, C. Wichtendahl Galerie, Berlin
    Licht und Schatten (mit Erasmus Schröter), Galerie der Guardini Stiftung Berlin
    Mit dem Messer gezeichnet, Museum der Bildenden Künste, Leipzig
    Spaziergang im Schnee - für Robert Walser, Galerie Elten&Elten, Zürich
  • 2007 Heimat, Galerie Barbara Davis, Houston
    In Tracht - Traditionel Dress, Cartwright Hall Art Gallery, Bradford (GB)
  • 2006 In Tracht, UH galleries, University of Hertfordshire, Hatfield/London
    Galerie Kleindienst, Leipzig
    Wildwuchs, Stadtgalerie Bern
    Spaziergang im Schnee - für Robert Walser, Galerie Peters- Barenbrock, Ahrenshoop
  • 2005 Hasenland, Galerie Kleindienst, Leipzig / Galerie Binz & Krämer, Köln
    Messer, Gabel, Scher und Licht, C. Wichtendahl Galerie, Berlin
  • 2004 Schröter + Schröter, Stadtmuseum Oldenburg, Oldenburg
    Spaziergang im Schnee, Kunstverein Panitzsch, Panitzsch
    Spaziergang im Schnee, Galerie Carla Renggli, Zug (Schweiz)
  • 2003 Schröter + Schröter, Stadtmuseum Siegburg
    Blick ins Land, Galerie Kleindienst, Leipzig
    s/w, Galerie Peters- Barenbrock, Berlin
  • 2002 Schröter + Schröter, Museum Junge Kunst, Frankfurt/Oder
    Rosengarten Kunstverein Zweibrücken, Zweibrücken
    Schröter + Schröter, Kunsthalle Erfurt, Erfurt
  • 2001 Turnen, Marburger Kunstverein, Marburg
    Turnen, Kunsthalle Luckenwalde, Luckenwalde
  • 2000 Bilder 1997-2000, Galerie Brockstedt, Hamburg
    Villa Kobe, Halle
    Mehr Rosengarten, Galerie Kleindienst, Leipzig

Ausstellungsbeteiligungen

  • 2018 Was bleibt. Positionen aus Leipzig, Galerie Schloss Parz, Grieskirchen (Österreich)
  • Scharf geschnitten, Galerie Stihl, Waiblingen
  • Scharf geschnitten. Vom Scherenschnitt zum Paper Cut, Neunkircher Kulturgesellschaft / Städtische Galerie Neunkirchen
  • Konvoi. Annette Schröter & Meisterschüler, Galerie Rothamel, Erfurt
  • 2017 Ladder to Heaven, Neuer Pfaffenhofener Kunstverein, Pfaffenhofen
  • Reload! Tracht - Kunst - Mode, Museum der Westküste, Insel Föhr
  • Che resta/Was bleibt, Palazzo Ducale, Mantua (Italien)
  • 2016 Klassentreffen, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
  • Pink Powder - de la Cruz Collection, Cotilla Gallery, Nova Southeastern University, Fort Lauderdale, Florida (USA)
    Immer und Ewig. 23. Leipziger Jahresausstellung, Westwerk, Leipzig
    Gegenstimmen - Kunst in der DDR 1976-89, Martin-Gropius-Bau, Berlin
    Light & Shadow, Kunstverein Speyer
  • 2015 Die bessere Hälfte - Malerinnen aus Leipzig, Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig
  • Aus dem Dunkel, Galerie Supper, Baden-Baden
  • Tierversuche, Galerie Rieker, Heilbronn
  • StadtKunst - KunstStadt, Städtische Kunstsammlung, Wiesloch
  • 2014 KUNST. SCHULE. LEIPZIG Malerei und Grafik nach 1947, Museum der Bildenden Künste, Leipzig
    Holzschnitt/ Linolschnitt/ Papierschnitt, Kunsthalle Gießen
    Final Cut - Papierschnitt als eigenständiges Künstlerisches Medium, Horst-Janssen-Museum, Oldenburg
    Kein Spaß / Annette Schröter und Meisterklasse, Galerie m2a, Dresden
    in I Amsterdam - You Berlin, St. Johannes Evangelist Kirche, Berlin
    geschnitten - Räume mit der Schere gezeichnet, Kulturstiftung Schloss Agathenburg

  • 2013 20. Leipziger Jahresausstellung, Westwerk, Leipzig
    Schaufenster: Zwickau meets Dresden, 15 Jahre Kunstverein Freunde aktuelle Kunst, Zwickau
    Blütenzauber, Museum Schloss, Bad Arolsen
    Kein Spaß, Annette Schröter + Meisterschüler, Galerie Rothamel, Erfurt
    GEKAUFT - Neuerwerbungen der Grafischen Sammlung 2003 - 2013, Museum der Bildenden Künste, Leipzig

  • 2012 Leipzig Art Panorama, Seongnam Art Center, Seoul (Südkorea)
    Power Flower, Abtart, Stuttgart
    geteilt/ungeteilt, Kunst in Deutschland 1945 - 2010, Galerie Neue Meister/Albertinum, Dresden
    Das Loch in der Wand, Galerie Kleindienst, Leipzig
    Tischgespräch mit Luther - Christliche Bilder in einer atheistischen Welt, Angermuseum, Erfurt
    Es war einmal, Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf

  • 2011 Falsche Freunde, Galeriekleindienst, Leipzig
    Falsche Freunde, Kunstverein Kühlungsborn
    BRP Paper / Black Rat Projects, London
    Cut X, Kunstgalerie Fürth, Fürth
    Cut, Museum für Moderne Kunst Kärnten/Klagenfurt
    After the Goldrush, Kunstverein Speyer
    Convoy Leipzig, Biksady Gallery, Budapest
    Saxonia Paper, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

  • 2010 Gabriele- Münter- Preis- Ausstellung, Martin- Gropius- Bau, Berlin
    Scherenschnitte - Kontur Pur, Museum Bellerive, Zürich
    Korso - fünf Leipziger Malerinnen, Sammlung Philara, Düsseldorf
    Mit Ecken und Kanten - Scherenschnitt heute, Städtisches Museum Heilbronn
    Schnittstelle Druck, Galerie Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
    Scherenschnitte - Cut Outs, Galerie der Gegenwart, Hamburg

  • 2009 Die Arbeit schmeckt, Galerie Rothamel, Erfurt
    Pfauenaugen - Drei ProfessorInnen, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
    Brandneu Ankäufe 2007/2008, Essl Museum, Klosterneuburg
    Einundvierziggrad, Galerie Binz & Krämer, Köln
    scherenschnitte - kontur pur, Museum Bellerive, Zürich
    60/40/20. Kunst in Leipzig seit 1949, Museum der Bildenden Künste Leipzig
    Carte Blanche IX - Vor heimischer Kulisse - Kunst in der Sachsenbank, Sammlung Landesbank Baden- Württemberg, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig
    16. Leipziger Jahresausstellung, Josephs- Konsum, Leipzig

  • 2008 The Leipzig Phenomenon, Kunsthalle Budapest
    Im Gegenlicht, Museum Villa Rot, Bergrieden- Rot
    fresh- baked, Barbara Davis Gallery, Houston
    Licht und Schatten, Annette Schröter und Erasmus Schröter, Papierschnitte und Fotografie, Guardini Galerie, Berlin
    Neue Leipziger Schule, Cobra Museum, Amstelveen

  • 2007 Seit Leipzig, Kunsthalle Wittenhagen
    Paper Cuts, Hove Art Museum & Art Gallery, Hove/East Sussex
    Brühlette Royal-Periperie als Zentrum, Kunstverein Freunde Aktueller Kunst, Stadtmuseum Zwickau
    Das exponierte Tier-animalische Koexistenzen, Kunstverein Kiss, Schloss Untergröningen
    Paper Cuts, Rugby Art Gallery and Museum, GB
    Wunder über Wunder, Kunsthalle Erfurt

  • 2006 Made in Leipzig – Bilder aus einer Stadt, Sammlung Essl, Klosterneuburg
    Zurück zur Figur-Malerei der Gegenwart, Kunsthalle der Hypovereinsbank, München
    Eine Zeit für Paradiese,Stadtmuseum Bautzen
    Leipzig Select; Gallery Barbara Davis, Houston
    Paper Cuts, Bury St.Edmunds Art Gallery

  • 2005 Eurostars + video unplugged, Galerii S.E. Bergen, Bergen
    Flora und Fauna, Kunstverein Villa Streccius, Landau
    Auf Augenhöhe, Galerie Frank Schlag, Essen
    Art Frankfurt
    Art Forum, Berlin
    Der Rote Teppich, Kunstverein Kiss, Schloss Untergröningen

  • 2004 Globalia, Frauen Museum, Bonn
    Works on paper, Galerie Binz & Krämer, Köln

  • 2003 Woman in arms, Frauen Museum, Bonn
    Bellissima-Körper-Konstrukt-Schönheit, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
    Art Forum, Berlin

  • 2002 Wunschbilder, Museum der Bildenden Künste, Leipzig

  • 2000 Gabriele Münter Preis Ausstellung, Frauen Museum, Bonn