Julius Hofmann

Malerei
Papierarbeiten
Video
Text

Das Kind tanzt in der Nacht (Auszug)
von Hans-Werner Schmidt (in: Re-Import. Julius Hofmann, 2015, MMKoehn Verlag, Berlin/Leipzig)

Julius Hofmann ist ein Medienkind, doch als Maler betreibt er den Re-Import überholt erachteter technischer Bilder auf der Leinwand. Die Malerei repräsentiert so auch ein Gedächtnis der datenbasierten Bilder, nicht als deren Archiv, sondern als deren Reflektion. Und wenn HD-Technik für optimale Bildschirmschärfe sorgt, dann antwortet Hofmann in jüngster Zeit mit zunehmend teigigen Formen, so wie es bei Glasdiaprojektionen vorkommen konnte: Zur mangelnden Schärfeeinstellung gesellten sich im Hitzestau Newtonsche Ringe, die in einem weichen, psychedelischen Farbenspiel die Motive verschmolzen. Julius Hofmann kann trittsicher im Feld der elektronischen Medien agieren. Um dabei den souveränen Umgang mit denselben zu dokumentieren, wählt er als Bearbeitungsmodus die Infantilisierung, eine Form beherzter Ego-Demonstration, die das Professionelle wie den „guten Ton“ im gesellschaftlichen Verkehr ignoriert. Die Identitätsformierung in dieser Arbeitshaltung bekundet Distanz zum populären Medium und dem entsprechenden Nutzerkodex. Das Spielerische dominiert die Gebrauchsanweisung und User-Lenkung. Die Staffelei als Gegenüber fordert von Hofmann ein Mehr an Einsatz kreativer wie körperlicher Kräfte als der Mausklick.
Seine muskelbepackten Typen mit festem Schuhwerk und der Waffe im Anschlag verkörpern ein populäres Ahnenbild: den Kinohelden Rambo, jenen betont antiintellektuellen Gegenentwurf zum messiashaft interpretierten Che Guevara. Auch Rambo praktiziert als Einzelkämpfer den GuerillaEinsatz, doch bei aller Eigenwilligkeit folgt er den White-collar-Strategen im Pentagon. Diese menschlichen Kampfmaschinen zelebrieren Posen, die angesichts von Drohneneinsatz und im Hintergrund agierenden Sicherheitsfirmen martialisch und hilflos zugleich wirken. Doch ihre Suggestionskraft bleibt bis heute ungebrochen, hält man sich das Outfit und das Gebaren der weltweit agierenden Gotteskrieger und Separatisten vor Augen. Doch Hofmann bricht diese Bilder. Wie bei vielen cineastischen Mega-Erfolgen erleben die Hauptcharaktere immer wieder neue Einsätze in anderen Medien wie auch in den Spielzeugregalen. Dort findet sich die männliche Allzweckwaffe als Star-Wars-Krieger und Power Ranger, inzwischen nach einer vollzogenen Liaison mit der Manga-Kultur als Teenage Mutant Ninja Turtles oder als Teutans. Diesen Typen schenkt Hofmann seine Aufmerksamkeit, vor allem deren Verletzlichkeit und Unvollkommenheit, wenn kindliche Finger im Figurenbau Ober- und Unterkörper doch nicht passend fixieren können und die meist klein ausfallenden Köpfe labil auf dem Schulterblatt ihre Fixierung gefunden haben. Die Heroenkonstruktion erscheint bei Hofmann wie ein wenig vollkommenes Bastelwerk. Ein Faustschlag auf die Tischplatte und der Held in der Spielzeuglandschaft zerfällt in seine Bauteile.Hofmann verleiht einigen seiner Protagonisten einen Dresscode, der die von ihm benannte Inspiration durch den Kubismus belegt. Hier erscheint ein Bein wie ein Zylinder und die Finger einer Hand wirken wie parallel verlegte Röhren. Hofmann steigert diesen Eindruck, indem er Arme und Beine wie gefaltete Kartonagen zur Darstellung bringt und er damit Anleihen vollzieht, die im Bereich der Werbung zu verorten sind; zum Beispiel bei stilisierten Typen wie dem Michelin-Männchen und diversen Liftboy-Typen, die für Reinigungsmittel werben und deren Beine nur dafür da sind, Bügelfalte zu tragen. Hofmann findet über diese Gestalten einen visuellen Resonanzraum in der Großvätergeneration der heutigen Piktogramme. Und wenn all diese Totengesichter uns gleichermaßen erstarrt wie lebendig erscheinen, dann ist es wahrscheinlich die verwandtschaftliche Beziehung zum Mummenschanz der Ensorschen Nekrophilie wie auch zu den zahlreichen Bilddokumenten sizilianischer Katakomben, deren Bewohner uns zugleich anwesend wie abwesend empfangen.

Biografie
  • 1983 geboren in Göttingen
  • 2005-11 Studium der Malerei an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig
  • 2007 - 2009 Fachklasse von Prof. Neo Rauch
  • 2009 - 2011 Fachklasse von Prof. Heribert C. Ottersbach
  • 2011 Diplom
  • lebt und arbeitet bei Göttingen

Einzelausstellungen

  • 2018 Cinematic Cybernetics, Museum der bildenden Künste, Leipzig
  • under der linden, Galerie Kleindienst, Leipzig
    under der linden II, Ornis A. Gallery, Amsterdam
    ART COLOGNE New Positions
  • 2016 Might of Young Engines, SSZ Sued, Köln
  • 2015 Might of Young Engines, Ornis A. Gallery, Amsterdam
    Ekstatische Einamkeit (mit Michael Kirkham), Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2013 Mustang, Villa Katzorke, Essen
    Stony Fields, Ornis A. Gallery, Amsterdam
    Regulator, galerie bear, Dresden
    Initiative and Surrender, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2011 Die Ernte des Lebens, Galerie Kleindienst, Leipzig
    "Aurora", Ornis A Gallery, Utrecht
    "Nemesis", UNC Gallery, Seoul/Südkorea

Ausstellungsbeteiligungen

  • 2018 MdbK meets G2. Malerei aus Leipzig ab 2000, Museum der bildenden Künste, Leipzig
  • 2017 Colors of Descent, G2 Kunsthalle, Leipzig
  • Künstler der Galerie, Galerie Kleindienst, Leipzig
  • 2016 Your Light is my Darkness (Teil III), Gerhard Hofland, Amsterdam
  • Your Light is my Darkness (Teil II), Feinkunst Krüger, Hamburg
  • Kunsthochschulen zu Gast. HGB-Fachklasse Prof. Ottersbach, Bayer Kultur, Leverkusen
  • Immer und Ewig. 23. Leipziger Jahresausstellung, Westwerk Leipzig
  • Tiere sehen dich an, Zionskirche, Berlin
  • 2015 Nocturne. Ahnung, Abgrund und Apokalypse in der zeitgenössischen Kunst, Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig
    Personalities on Paper, Ornis A. Gallery, Amsterdam
    Gute Kunst? Wollen! SOER-Rusche Sammlung, Auf AEG, Nürnberg
    Wahrheiten, Museum Abtei Liesborn, Liesborn
    Your Light is my Darkness (I), Re:Surgo, Berlin
  • 2014 bb, Galerie Kleindienst, Leipzig
    Wahrheiten - Werke aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, Bayer Kulturhaus, Leverkusen
    BGL#1, Kesselhaus, Bergisch Gladbach / Köln
    Mensch werde wesentlich, Kunstverein Freunde aktueller Kunst, Zwickau
    Klasse Ottersbach - Die Pferde sind tot, Forum Kunst, Rottweil
  • 2013 Un été spectaculaire, Ornis A. Gallery, Amsterdam
    WIN / WIN - Ankäufe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2013, Baumwollspinnerei HALLE 14, Leipzig
    Blumen, Flowers, Blomster, Galerie Mikael Andersen, Berlin
    Tierstücke - Niederländische Tiergemälde des 17. Jhds. im Dialog mit zeitgenössischer Malerei, Sammlung SØR Rusche Oelde/Berlin, Museum Abtei Liesborn, Liesborn
  • 2012 German now - from Leipzig, Seongnam Art Center, Südkorea
    New Smokes from Old Fires, Frappant, Hamburg
    Eros und Thanatos (SØR Rusche Collection), Werkschauhalle Leipzig
    A:B:C: Mooning, Gallery FIST, Hamburg
  • 2011 18. Leipziger Jahresausstellung
    After the Goldrush, Kunstverein Speyer
    Galerie Genscher, Hamburg
    Wunderkammer, Amsterdam
    Convoy Leipzig, Biksady Gallery, Budapest
    Saxonia Paper, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
  • 2009 Fluch der Akribik, Kunstverein Bad Sulzfeld
    Schwarze Schwäne, Junges Forum, Wiesbaden
  • 2008 Junge Kunst 13 - Christoph Freidhöfer, Sonja Kälberer, Julius Hofmann, Albrecht Pischel, Danny Schulz | Malerei, Fotografie, Installation, Video, Galerie Kleindienst, Leipzig

Bibliografie

  • 2015 Julius Hofmann - REimport (Katalog), MMKoehn Verlag, Leipzig/Berlin
    Nocture. Ahnung, Abgrund und Apokalypse in der zeitgenössischen Kunst (Katalog), Stadt- und Kreissparkasse Leipzig
  • 2012 German Now. From Leipzig (Katalog), Seongnam Arts Center und UNC Galerie, Seoul (Südkorea)
  • 2011 Convoy Leipzig (Katalog), Biksady Galerie, Budapest
    Julius Hofmann: Die Ernte des Lebens (Katalog), LUBOK Verlag / Galerie Kleindienst, Leipzig
    "Julius Hofmann", in: Salié, Olaf: Rising. Young artists to keep an eye on. Köln: daab.